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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 12:47

 

Josef Mayr: Toccata & [Echoes] from Austria

07.10.2004





Entdeckungen und Probleme



 

Sie kennen Wolfram Wagner nicht? Und nicht Sigrid Riegebauer? Sie haben noch nie etwas von Erich Eder de Lastra gehört und auch nicht von Helmuth Froschauer? Kein Grund zur Zerknirschung. Woher auch sollte man die Namen jüngerer und nicht mehr ganz so junger Komponisten kennen, wenn ihre Werke kaum aufgeführt werden. Musik ist, anders als Literatur, noch nicht vorhanden, wenn sie gedruckt wird. Sie bedarf der akustischen Umsetzung, der Interpretation. Und so gebührt einem Pianisten wie Josef Mayr Dank und Anerkennung. Statt die immer gleichen Werke der „Klassiker“ ein weiteres Mal auf CDs zu pressen, übernimmt er Verantwortung gegenüber der Kunst zeitgenössischer Komponisten. Er legt eine CD mit Werken wenig bekannter und bekannterer österreichischer Komponisten – darunter auch Ernst Krenek, Hanns Jelinek und Josef Matthias Hauer – vor. 17 der 21 zwischen 1915 und 2002 entstandenen Titel wurden hier erstmals eingespielt! Es sind kleine, manchmal nur rund eine Minute dauernde Stücke, von denen mehrere die Gattungsbezeichnung „Toccata“ tragen. Das italienische Wort „toccare“ bedeutet „berühren“, und dieses Wort, zusammen mit dem Wort „schlagen“, setzt Mayr auch auf die Vorderseite seiner CD. Streng genommen ist das Hammerklavier ja ein Schlaginstrument, und seine Saiten werden einerseits von den Hämmern berührt, während andererseits die Zuhörer im metaphorischen Sinne berührt werden von den Klängen, die diese angeschlagenen Saiten hervorbringen.

Produzierende Künstler beklagen sich gelegentlich darüber, dass sie weniger gefördert werden als reproduzierende Künstler. Diese Klage hat Gründe, die sich nachvollziehen lassen. Aber vielleicht sollte man auch bei den reproduzierenden Künstlern differenzieren und jene bevorzugen, die unbeschrittene Wege gehen und den produzierenden Künstlern – siehe oben – überhaupt erst zur öffentlichen Wahrnehmung verhelfen. Vielleicht sollte man… Die Wirklichkeit sieht bekanntlich anders aus. Josef Mayr wird noch lange Klavier spielen müssen, ehe er die Gage einer Operndiva erhält, die einmal mehr die Koloraturen der Königin der Nacht jodelt.

Toccata vorausgegangen ist die CD [Echoes] from Austria. Neben Klavierstücken von Komponisten, die – wie Ernst Krenek, Egon Wellesz, Ernst Toch, Erich Wolfgang Korngold oder Hans Gál – ins Exil gejagt wurden oder – wie Erwin Schulhoff – im KZ umkamen, begegnet man hier solchen von Nutznießern des Nationalsozialismus – wie Cesar Bresgen, Egon Kornauth, Ernst Ludwig Uray oder Gottfried von Einem, der 1937 ohne Not nach Deutschland ging, um, gefördert vom Parteimitglied Herbert von Karajan, im Dritten Reich Karriere zu machen, während seine jüdischen Kollegen vertrieben und ermordet wurden. Dass nach 1945 die Bresgen, Uray, Einem und – von diesem nun seinerseits dankbar protegiert – Karajan das österreichische Musikleben nachhaltig bestimmten und nicht die Krenek, Korngold, Wellesz, Toch oder Gál, muss um der historischen Wahrheit willen festgehalten werden. In der Musik wie in der Literatur und in den Wissenschaften hat es in Österreich nach dem Ende des Nationalsozialismus weitaus mehr Kontinuität gegeben als Neuanfang oder gar Genugtuung für die Verfolgten und Verjagten, und bis heute wird das allenfalls in Festreden, die von keinen Taten begleitet werden, bedauert. So betrachtet ist Mayrs erste CD mit österreichischer Klaviermusik nicht unproblematisch: Im Zeichen der Musik, einer scheinbar unpolitischen Kunst, werden die Unterschiede zwischen Kollaborateuren und Opfern eingeebnet. Aber auch das ist bekanntlich keine singuläre Erfahrung.

Thomas Rothschild


Josef Mayr: Toccata. Extraplatte EX 588-2
Josef Mayr: [Echoes] from Austria. Extraplatte EX 388-2

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